Die Frau in der Steinzeit

Sammlerin oder Jägerin?

Foto aus dem Neuen Museum Berlin, Venusfigur

Geschlechterrollen in der Steinzeit

Steinzeitmänner gingen auf die Jagd und die Frauen hüteten das heimische Feuer und die Kinder. 

Männer suchen bewegliche Beute, Frauen das Nützliche. 

Am Grill findet der Mann zu seiner ureigensten Rolle als Jäger und Familienversorger zurück.

Angebliche Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen sollen ihren Ursprung in der Rollenverteilung in der Steinzeit haben. 

Hat der Mann eines Tages zu seiner Frau gesagt: Ich Jäger, du Sammler?

Hat er dann eins über den Schädel bekommen?

Oder ein freundliches Lächeln und sie hat Speer und Bogen hingelegt und sich den Korb genommen?

In einer Zeit, in der die Menschen noch im Einklang mit der Natur gelebt haben, war die Aufgabenteilung bestimmt ein sich stetig wandelnder und den Gegebenheiten anpassender Prozess. Und natürlich waren unterschiedliche körperliche und intellektuelle Fähigkeiten wichtig um bestimmte Arbeiten und Aufgaben übernehmen zu können. 

War die Gegebenheit weiblich zu sein ein Kriterium dafür von bestimmten Aufgaben von vornerein ausgenommen zu sein, auch wenn die Fähigkeiten vorhanden waren? 

Alte Höhlenzeichnungen zeigen, dass die Nahrungsbeschaffung in der Altsteinzeit keine geschlechterspezifische Aufgabenteilung innehatte. Die ganze Familie reiste großen Herden hinterher. Wenn eine Herde gehetzt wurde, brauchte man alle Mitglieder der Familie um ein Beutetier zu erlegen. 

Doch die klimatischen Bedingungen veränderten sich stetig und damit auch die Flora und Fauna. 

Die Tierbestände wurden kleiner und Wälder entstanden. Die Jagd musste den neuen Gegebenheiten angepasst werden. Statt treiben und hetzen musste sich nun angeschlichen werden. Und zwischen engstehenden Bäumen war es nicht mehr sinnvoll in einer großen Gruppe jagen zu gehen. Mit kleinen Kindern auf die Pirsch zu gehen wirkte sich ebenfalls nachteilig auf die Jagderfolge aus. Dennoch verbesserte sich die Versorgungslange dank erfolgreicherer Jagdtechniken und mehr Kinder wurden geboren. 

Eine neue Ära brach an…

In der Jungsteinzeit betrieben die Menschen zum ersten Mal Ackerbau und Viehzucht. Die Jagd nahm nicht mehr den größten Teil der Nahrungsbeschaffung ein. Bestimmt hat es da bereits eine Aufgabenteilung gegeben.

Wurde nun der Frau gesagt: „Du bleibst! Ich gehe jagen.“?

Bekam die Frau in der Zeit der neolithischen Revolution die Aufgabe des Sammelns und Kinder Hütens aufgedrückt? Oder hat sie sich diese Aufgabe selbst ausgesucht? 

Viele Wissenschaftler sind der Meinung die Sesshaftigkeit war die Geburtsstunde der Geschlechterrollen. Stillende Mütter bekamen die Aufgabe den Nachwuchs zu versorgen und wurden zunehmend von der Jagd ausgeschlossen. Auch weil die Jäger immer weitere Strecken zurücklegen mussten um geeignete Fleischlieferanten zu finden. Die Konkurrenz zu Raubtieren wurde ebenfalls größer und machte die Jagd gefährlicher. 

Von nun an konnten die Frauen sich nicht mehr selbst mit tierischem Protein versorgen und wurden von den jagenden Männern abhängig. Ein erfolgreicher Jäger wurde damit zu einem begehrten Mann. Die Versorgung mit Fleisch wurde mit körperlicher Zuwendung belohnt. Die Auswahl des Geschlechtspartners hing damit entscheidend von dem erbeuteten Tier ab. 

Es ist nicht immer alles so wie es scheint…

Doch die vorherrschende Meinung, der Mann als Jäger und Familienversorger und die Frau als Sammlerin und Nesthüterin gerät ins Wanken. Neue Untersuchungsmethoden belegen das Gegenteil und bringen Licht in eine Zeit, die wir mit einer Brille von veralteten Vorstellungen und falschen Rollenvorbildern jahrelang betrachtet haben. 

Die Erforschung prähistorischer Funde war lange ein männerdominiertes Gebiet. Und deren Vorstellungen und Meinungen finden sich bei der Auslegung und Auswertung der Funde wieder. 

Sätze wi  „Wie auch heute so wurde auch damals Kunst von Männern gemacht.“ (in einem Ausstellungskatalog über altsteinzeitliche Kunst gefunden)  und Beschreibungen von Bergwerken aus der Jungsteinzeit als klassische männerdominierte Werkssiedlung von Prähistorikern beweisen deren voreingenommene Sichtweisen. (1959)

Viele Amateur-Archäologen des 18. Und 19 Jahrhunderts fehlte ebenso ein unvoreingenommener Blick auf die Funde. Bei Skelettfunden wurden nur die Waffen-und Perlenfunden nach Hause getragen. Die bloßen Skelette wurden oft gar nicht dokumentiert bzw. darauf untersucht ob sie männlich oder weiblich waren. Denen war ohne zu hinterfragen klar, Waffen ließen auf einen Mann schließen, Nadel und Perlen auf eine Frau. 

Heute belegen Untersuchungen eine ganz andere Wirklichkeit.  Die Arbeit in Bergwerken wurde von allen Mitgliedern unabhängig des Geschlechts und Alters getätigt. Gräberfelder mit Skelettresten von Frauen, Männern und Kindern beweisen deren Zusammenarbeit. Die Abnutzungserscheinungen an den kindlichen Skeletten machen deutlich, dass diese bereits seit frühester Kindheit an körperlich sehr belastet waren. 

Ebenso beweisen Grabfunde aus der Jungsteinzeit, dass unsere Vorstellungen überholt sind. 

Im Grab eines 35 bis 40-jähriges Mannes wurde neben seinem Skelett drei Pfeilspitzen aus Feuerstein und eine verzierte Knochennadel gefunden. 

Foto aus dem Neuen Museum Berlin
Bestattung eines Mannes mit Beigaben (Knochen, Stein, Ton, Gips) 4.500 – 4.300 v. Chr.

Im Grab einer 30 Jahre alten Frau dagegen eine Feuersteinklinge, zwei geschliffene Knochenspitzen, Bruchstücke eines Schleifsteins und ein Schafsknochen. Ihr Körper war in Hockstellung begraben worden. Zwischen ihren angewinkelten Oberschenkeln und Armen fand man das Skelett eines Säuglings. 

Foto aus dem Neuen Museum Berlin
Bestattung einer Frau mit Beigaben (Knochen, Stein, Ton, Gips) 4.500 – 4.300 v. Chr.                  

Schneiderte er Kleider?

Hat sie Werkzeuge hergestellt?

Die Verschleißerscheinungen an ihren Knochen würden zu solchen Berufsbildern passen. 

Bei Tierbildern aus Höhlen wurde lange Zeit von ausgegangen, dass diese nur von Männern gezeichnet worden sein konnten. Diese waren so naturalistisch dargestellt, dass sie  von Menschen bei der Jagd beobachtet worden sein müssen. Übersehen wurden die Handabdrücke (Handnegative) neben den Zeichnungen, deren Untersuchungen ergeben haben, dass sie zu ¾ von Frauenhänden stammten. Das lässt nur eine Schlussfolgerung zu: Frauen waren ebenso, wenn nicht sogar häufiger, Künstler und sie waren bei der Jagd dabei. 

Fotos aus dem Neuen Museum Berlin Tiergravierung, jüngere Altsteinzeit ca. 32.000 v. Chr. 

In den jungzeitsteinzeitlichen Pfahlbauten am Bodensee wurden riesige Wandmalereien mit lebensgroßen Frauenfiguren mit plastischen sehr naturalistischen geformten weiblichen Brüsten mit Brustwarzen gefunden. Neben diesen großen dominanten Frauengestalten gab es kleinere Figuren und kleine Dreiecke, die  wahrscheinlich die Ahnenreihen und die jüngste Generation und die Lebenden im Dorf darstellten. Die Köpfe der Frauen waren von Sonnenstrahlen umgeben. Eine Verbildlichung ihrer göttlichen Eigenschaften? Hier gab es anscheinend einen rituellen Kultus in der die  Urmütter das Zentrum des Glaubens waren.

Man kann also von einer Wertschätzung von Frauen ausgehen. Wie die Realität aber in der Gesellschaft aussah, wissen wir nicht. Denken wir nur an die Mariendarstellungen im Mittelalter. Augenscheinlich wurden Frauen vergöttert, die realen gesellschaftlichen Verhältnisse für Frauen im Mittelalter sahen anders aus 

Auch wissen wir nicht welche Rolle die Männer zwischen den vielen großen Frauengestalten spielten, da die Gegenwand des Gebäudes fehlt. 

Auch hier merkt man, viel zu selten wurde die Frage nach der Geschlechter- und der Kindheitsgeschichte gestellt. Aber es ist für die Wissenschaftler natürlich wesentlich schwieriger anhand von Fundstücken, die nur bruchstückhaft vorhanden sind, etwas über die Gender-Verhältnisse herauszufinden als etwas über die Eingriffe der Menschen in ihren Lebensraum. 

Doch woher stammen unsere Überzeugungen vom Leben der Geschlechter in der Urzeit, von der prähistorischen Rollenteilung, von den fest umrissenen steinzeitlichen Tätigkeitsbereichen?

Wenn es zum einen viel zu wenig Funde über die wirkliche Lebensrealität der Frauen und Männer gibt, wenn die Gleichung Waffe im Grab = Mann und Schmuck im Grab = Frau nicht immer aufgeht und es immer mehr Beweise gibt, dass die starre Rollenaufteilung wie sie bei uns in den Köpfen existiert gar nicht vorhanden war. Außerdem umfasste die Steinzeit einen langen Zeitraum von mehr als 3 Millionen Jahren. In dieser Zeit gab es dramatische Wechsel von Warm- und Kaltphasen. Das sorgte für ein wechselndes Nahrungsangebot und damit einher gehenden unterschiedlichen Aufgaben für die jagenden, sammelnden und fischenden Frauen und Männer. Es ist schwer vorstellbar, dass in dieser Zeit immer alle gleich geblieben sein soll. 

Die Urgeschichte als Legitimation für das bürgerliche Geschlechtermodell…

Das Bürgertum im 19 Jahrhundert hat die Vorstellung des Mannes als Jägerund die Frau als Sammlerin in der Urgeschichte als Vorbild für seine kulturellen Konzepte in der Gesellschaft übernommen. Die bürgerliche Gesellschaft hatte ein striktes Geschlechter- und Familienmodell welches den Mann die Rolle des Ernährers und Oberhaupt der Familie zugestand und der Frau die Rolle der Mutter, Ehefrau und Hausfrau zuwies. Dieses Geschlechtermodell wurde mit dem Grundsatz Das war schon immer sound sei unsere natürliche Aufgabelegitimiert. Dieses altmodische Denken ist noch immer in unseren Köpfen verankert und hat auch frühere Auslegungen der Fundstücke beeinflusst.

Meine Oma hat mich immer wieder liebevoll gefragt ,ob ich meinen Mann zum Feierabend auch immer einen Kaffee koche?  In wie vielen Familie hat der Mann das letzte Wort in Entscheidungsfragen? Warum muss sich eine Frau die zu Hause bei den Kindern bleibt noch immer erklären, was sie den ganzen Tag zu Hause gemacht hat? 

Fakt ist, in der Alt- und Mittelsteinzeit ist eine geschlechtertypische Rollenteilung mehr als fragwürdig. Wann entstand die Rolle der unterwürfigen und abhängigen Frau? In der Jungsteinzeit, mit Beginn des Ackerbaus und der Viehzucht? Oder erst mit den Lehren der christlichen Kirche, die alles was die Frau als gleichberechtigt darstellt verpönte? Oder waren es die Männer aus dem Bürgertum die Angst bekamen vor den Frauen die dank der französischen Revolution immer mehr für ihre Rechte eintraten?