Während Romane im Selfpublishing längst etabliert sind, fristet Lyrik oft ein Nischendasein. Dabei entstehen fernab großer Verlage zahlreiche Gedichtbände mit ganz eigenen Stimmen und Themen. In diesem Beitrag stelle ich fünf Lyriker:innen vor, deren Werke einen Blick wert sind.
Lyrik neu denken
Lyrik lebt von Sprache. Sie lebt von Rhythmus, von Bildern, von Pausen zwischen den Worten. Vor allem aber lebt sie von Interpretation. Gedichte beschäftigen sich mit Gefühlen, politischen und gesellschaftlichen Themen, mit unserem Alltag, mit Menschen und der Natur. Kurz gesagt: Lyrik sind Gedanken – verdichtet in Rhythmus und Worten.
Genau darin liegt ihre Stärke, aber auch ihre Herausforderung. Man muss sich auf Gedichte einlassen wollen. Lyrik ist ein Spiel mit Sprache, Stil und Bedeutung. Dennoch habe ich oft den Eindruck, dass viele Menschen Lyrik als schwer zugänglich empfinden. Dabei sind wir eigentlich mit Reimen und Poesie aufgewachsen. Kinderlieder, Abzählreime und kleine Verse begleiten uns von klein auf.
Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, waren Gedichte bei vielen Mitschülerinnen und Mitschülern eher unbeliebt. Häufig galten sie als langweilig oder unverständlich. Vielleicht liegt das daran, dass wir oft gelernt haben, nach der „richtigen“ Interpretation zu suchen, anstatt Sprache einfach auf uns wirken zu lassen.
Papiergedanken von Franziska Szmania

Als ich im vergangenen Jahr meinen ersten Lyrikband veröffentlicht habe, war das deshalb ein besonders mutiger Schritt für mich. In meinen dystopischen Romanen werden Gedanken und Themen durch Figuren, Handlung und Weltenbau vermittelt. In der Lyrik fällt dieser Schutz weg. Die Gedanken stehen direkter auf der Seite.
Lyrik – auf alten und neuen Wegen.
Interessanterweise sehe ich gerade im Selfpublishing einen großen Vorteil für Lyrikerinnen und Lyriker. Experimentelle Formen finden hier oft leichter ihren Platz als im klassischen Verlagswesen. Wer unabhängig veröffentlicht, muss sich weniger an Erwartungen des Marktes oder an etablierte Vorstellungen davon halten, wie ein Gedichtband auszusehen hat. Es entsteht Raum für ungewöhnliche Strukturen, neue Formate und individuelle Stimmen.
Mein eigener Schreibstil ist dabei weder besonders verspielt noch übermäßig poetisch. Sowohl in meinen Gedichten als auch in meinen Romanen schreibe ich eher klar, direkt und in kurzen Sätzen. Das wirft eine Frage auf, die in der Literaturwelt immer wieder diskutiert wird: Was macht einen guten Schreibstil aus?
Die deutsche Sprache bietet unzählige Möglichkeiten. Sie kann komplex, kunstvoll und verschachtelt sein, aber auch schlicht, präzise und unmittelbar. Gerade deshalb wird oft über sogenannte „einfache Sprache“ diskutiert. Während die einen darin einen niedrigschwelligen Zugang zur Literatur sehen, befürchten andere einen Verlust an sprachlicher Qualität.
Doch ist komplexe Sprache tatsächlich anspruchsvoller? Oder handelt es sich lediglich um ein anderes Stilmittel, das häufig mit literarischem Anspruch gleichgesetzt wird? Für mich liegt die Qualität eines Textes nicht darin, wie kompliziert er formuliert ist, sondern darin, ob seine Sprache das ausdrückt, was sie ausdrücken soll. Manchmal braucht es dafür kunstvolle Bilder und lange Satzkonstruktionen. Manchmal reichen wenige Worte.
Vielleicht ist gerade deshalb das Selfpublishing ein spannender Ort für zeitgenössische Lyrik. Hier können unterschiedliche Sprachstile nebeneinander existieren. Hier dürfen Gedichte experimentieren, provozieren, vereinfachen oder verdichten – ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Moderne deutschsprachige Lyrik

Andrea Benesch
Andrea Benesch schreibt freie Lyrik ohne feste Reimschemata oder formale Vorgaben. Ihre Gedichte entstehen direkt aus Gedanken, Sorgen und Gefühlen. Schreiben bedeutet für sie, Emotionen auf Papier zu bannen und dadurch loszulassen.
Besonders gefällt mir die Unmittelbarkeit ihrer Texte. Sie verzichten auf sprachliche Umwege und sprechen Gefühle direkt an.
Mauern aus Beton Ich bin es leid, weißt du? Ich bin es so leid immer auf Abwehr zu gehen, immer darauf zu achten, dass meine Mauern unbeschädigt sind, damit sie jeden auf Abstand halten, der versucht sich mir zu nähern.











Sascha Orlowski
Sascha Orlowski, der unter dem Namen Schreibrebell Orlowski veröffentlicht, bewegt sich zwischen Erzählung, Prosa und lyrischen Formen. Seine Bücher zeigen, wie fließend die Grenzen zwischen den Genres sein können.
Besonders spannend finde ich seinen experimentellen Ansatz. Während „Von Besuchern und anderen Plagen“ mit Humor und Beobachtungsgabe arbeitet, ist „Soul – oder die Kunst einer unglücklichen Liebe“ wie ein Musikalbum aufgebaut. Die Kapitel werden zu Tracks, die Texte zu Liedern ohne Noten.
Seine Werke zeigen eindrucksvoll, dass Lyrik nicht zwingend klassischen Gedichtformen folgen muss.
So unterschiedlich diese Bücher auch sind, verbindet sie doch etwas Gemeinsames: die Neugier auf Menschen, ihre Gedanken, ihre Widersprüche und die Geschichten, die daraus entstehen.


Dass Loslassen kein Verlust ist,
sondern ein Kreislauf.
Dass man fliegen kann,
auch wenn man nie Flügel hatte.
Als er ging,
ließ er eine Stille zurück,
die sich anfühlte wie frisch gewaschene Luft.
Und für einen Moment
war das ganze Zimmer
ein Atemzug lang
weiter geworden.

Mrs. McH
Die Gedichte von Mrs. McH bewegen sich zwischen Schönheit und Schmerz, Hoffnung und Vergänglichkeit. Ihre Texte scheuen weder gesellschaftliche Themen noch persönliche Abgründe.
Sowohl „jedenfalls | traurigschön“ als auch „unnahbar | aus Gründen“ laden dazu ein, bekannte Perspektiven zu verlassen. Die Autorin nutzt Lyrik als Experimentierfeld, um Unsagbares sichtbar zu machen und Fragen über das Menschsein zu stellen.
Ihre Sprache ist bildgewaltig, manchmal provokant und stets nachdenklich.
»und alles wurde anders und alles wurde neu und alles blieb so traurigschön«
»bin ich doch bloß
ein nackter Wanderer
zwischen den Welten anderer,
nur meine Existenz
ist die Quintessenz
ihres Handelns, ihres Seins,
ihres Liebens, ihrer Sünden,
mit denen sie mich
ungefragt begründen«,
sprach die Poesie
und wetzte ihre Messer ~



Solveig Klaus
Solveig Klaus verbindet in ihrem Band „Gedankenwelten Poesie“ Gedichte mit eigenen Aquarellen. Für sie entsteht Lyrik direkt aus dem Herzen und bietet einen Gegenpol zur logischen Struktur ihrer Krimis und Thriller.
Ihre Texte laden dazu ein, im hektischen Alltag innezuhalten und sich auf Gefühle, Sehnsüchte und innere Ruhe zu besinnen. Die Verbindung von Bild und Wort schafft dabei eine besondere Atmosphäre.
Besonders interessant finde ich, wie sie unterschiedliche Kunstformen miteinander verbindet und dadurch einen sehr persönlichen Zugang zur Poesie schafft.
WAS MACHST DU MIT MIR?
Was machst du mit mir?
Ständig bist du bei mir!
In meinem Kopf,
wenn ich schlafen gehe
und wenn ich wieder aufstehe.
Schon bist du da.
Ganz nah.
Trotzdem fern.
Ich frage mich:
hast du mich auch so gern?
Oder willst du mich nur manipulieren,
mit meinen Gefühlen jonglieren?
Du träufelst mir Gift in mein Gehirn,
so dass ich könnt schwör‘n:
du bist ein Zauberer!
Du bist nicht einer, du bist der,
der mich mit einem Spinnennetz umwickelt,
gefesselt hält in deiner Welt.
Ich kann nicht mal schreien,
um Hilfe rufen oder laut weinen,
denn mein ich
weiß nicht,
dass es gefangen ist.
Lyrik im Selfpublishing
Mit meinem Lyrikband „Papiergedanken“ habe ich selbst einen Schritt gewagt, der sich deutlich von meinen dystopischen Romanen unterscheidet. Während Geschichten durch Figuren und Handlung gefiltert werden, stehen in Gedichten die Gedanken unmittelbar im Mittelpunkt.
Mein Stil ist dabei eher klar und direkt. Ich arbeite mit kurzen Sätzen und verzichte bewusst auf sprachliche Überladung. Mich interessiert die Frage, wie viel ein Gedicht mit wenigen Worten ausdrücken kann.
Vielleicht zeigt gerade die Vielfalt dieser fünf Stimmen, was Selfpublishing-Lyrik heute ausmacht: Sie darf experimentieren. Sie darf unterschiedliche Formen wählen. Und sie beweist, dass gute Gedichte nicht von Verlagsstrukturen abhängen, sondern von den Menschen, die sie schreiben.
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