MARTHA Anarchie

„Egal, wie oft die Ebbe uns zurückreißt, wir kommen zurück. Wir sind die Flut. Unaufhaltsam. Erbarmungslos. Eine Naturgewalt. Der Staub zu unseren Füßen wirbelt und bäumt sich zu einer Sturmwolke auf. Ohne mit der Wimper zu zucken, gehe ich weiter. Fühle die Kraft der Frauen um mich herum. Ihre Nähe gibt mir die nötige Zuversicht. Ich spüre ihre Wut, als wäre sie meine.“

Die Insel Selvia, kurz nach der Rebellion gegen das männliche Herrschaftssystem unter Präsident Adam. Martha sieht sich endlich am Ziel. Ihr Kampf gegen die männlichen Unterdrücker scheint erfolgreich. Doch dann wird ihr der Studienplatz an der Hochschule für Medizin verwehrt. Weil sie eine Frau ist.

Präsident Adam ist gestürzt. Das System besiegt. Wo die meisten Geschichten enden, beginnt diese! Kann ein jahrhundertelanges System so einfach ersetzt werden? Sind die Männer wirklich bereit ihre Patriarchat aufzugeben? Kann es Freiheit und Wohlstand für alle geben?

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Die Frauen scheinen keinen gemeinsamen Nenner zu finden. Sie funkeln sich wütend an und zwischen Helenes Augenbrauen hat sich eine tiefe Zornesfalte gegraben. Wie immer, wenn sie verärgert ist.

Ariel sitzt breitbeinig auf dem Tisch. Wie ich trägt sie Hose und Hemd. Bestimmt hat sie die Kleidung von ihrem Bruder ausgeliehen, denn sie sind zu groß. Ihre roten Haare stehen zu allen Seiten ab und leuchten. Mit der Streitlust im Gesicht sieht sie aus, wie jemand, der in den Krieg ziehen will. Worum geht es eigentlich?

»Das Wahlrecht und das Recht, zu studieren, sind gewaltige Reformen für uns Frauen«, erklärt Helene. »Wir können stolz sein, wir werden die ersten Frauen sein, die das Abitur ablegen. Aber das braucht gewisse Voraussetzungen, die nur die Töchter und Damen des Bürgertums mitbringen. Wenn wir uns bewähren, wird es weiter vorangehen. Mit kleinen Schritten. Nicht, indem wir anfangen zu paddeln, um vor dem Ziel zu ertrinken.« Die ältere Frau erwartet eindeutig Zustimmung.

»Was soll das heißen, die Voraussetzungen bringen nur die feinen Damen mit?«, mische ich mich ein, entrüstet über diese Aussage. »Was ist mit den Töchtern der Arbeiterklasse?«

»Kleine Schritte, wenn ich das schon höre!«, sagt Ariel, ohne auf meinen Einwand einzugehen. »Das Recht auf Bildung und das Wahlrecht sind Menschenrechte. Sie stehen uns zu. Genauso wie das Recht, arbeiten zu gehen und die gleichen Dinge zu machen wie die Männer. Wir sind doch keine Menschen zweiter Klasse.«

»Wir werden uns unseren Platz auf Selvia erkämpfen«, versuche ich erneut, mir Gehör zu verschaffen. »Aber der eigentliche Kampf ist ein anderer. Es ist kein Kampf der Frauen gegen die Männer, sondern der Arbeiter gegen das Bürgertum.« Ich habe meine Stimme dermaßen erhoben, dass alle Blicke auf mich gerichtet sind. Helene steht der Mund offen und ich verschränke die Arme vor der Brust.

»Du gehst also davon aus, dass Frauen automatisch die gleichen Rechte wie Männer erhalten werden, wenn es keine Unterschiede mehr zwischen Bürger und Arbeiter gibt?«, fragt Ariel mich und zieht skeptisch eine Augenbraue hoch.

»Ja sicher, nach dem Ende des Bürgertums werden wir unsere Rechte erhalten. Abel hat versprochen, alle Gesetze, die die Frau gegenüber dem Mann benachteiligen, abzuschaffen.« Ich beiße mir auf die Zunge, um das feine Bürgermädchen nicht zu beleidigen. Ich darf nicht vergessen, dass ich die Einzige bin, die nicht zu den Ringbewohnern gehört.

»Du glaubst doch nicht wirklich, dass Abel alle Versprechen wahr machen wird? Auch Arbeitermänner beuten Frauen aus. Da unterscheiden sie sich nicht von den Bürgern. Wenn wir nicht hart für unsere Rechte kämpfen, wird weiterhin ein Männerstaat herrschen.« Ariels Gesicht zieren rote Flecken. Ihre Haut passt sich ihrer Haarfarbe an.

Bevor ich antworten kann, spricht Helene dazwischen. »Was ist mit der Ehe? Was ist mit Familie? Die Mutterschaft ist die natürliche Aufgabe einer Frau, auch wenn ihr das nicht wahrhaben wollt. Wichtig für Mädchen ist es, nicht zu sein wie die Jungs, sondern ihre Tugend und Sittsamkeit zu bewahren.«

Jetzt spüre ich Hitze in mein Gesicht aufsteigen.

Ariel springt auf. »Das ist doch totaler Möwendreck! Frauen sollen alles machen können, was Männer dürfen!« Sie spricht aus, was ich denke.

»Das wäre der Untergang der Familie und der Moral!«

»Frauen müssen selbst bestimmen können, wie sie leben!«, sagt Ariel mit rauer Stimme.

Diese Diskussion geht in die völlig falsche Richtung. Verstehen die beiden das denn nicht?

»Sobald es keine Klassenunterschiede mehr gibt, wird die Gleichberechtigung der Frau automatisch folgen«, erkläre ich von Neuem.

Helene läuft nun ebenfalls rot an.

Heute werden wir wohl nicht mehr viel lernen.

Feminismus und Empowerment verpackt in einem dystopischen Setting ... für alle die starke Persönlichkeiten lieben Wie weit würdest du für deine Freiheit gehen?